Straßenorgeln sind in Deutschland praktisch unbekannt. Bei unseren Nachbarn in den Niederlanden ist das gänzlich anders. Ausgehend von einem Geschäftsmodell von Leon Warnies 1875, der eigentlich im besten Sinne des Wortes in Amsterdam eine Leasingfirma gegründet hat, die sich dem Drehorgelverleih (Draaiorgelverhuurbedrijf) widmete, fand die Straßenorgel in Amsterdam, aber auch in vielen anderen niederländischen Städten schnell Verbreitung. Wenn man bedenkt, dass es (bis auf einige Jahre der deutschen Besetzung, die Nazis haben Drehorgelmusik auf der Straße als "Bettelgewerbe" abgetan und verboten) praktisch bis heute in vielen Städten unseres Nachbarlandes regelmäßig gespielte, von allen Einwohnern bewunderte Orgeln gibt, kann man sich nicht vorstellen, dass diese Musik in Deutschland praktisch nicht stattfindet. Die Niederländer nennen diese Orgeln "Pierement" und jede Orgel hat einen Namen, der entweder auf ein Charakteristikum der Orgel oder typisch niederländischen Humor hinweist. Das wohl weltweit berühmteste Instrument trägt an der Fassade die Darstellung eines Beduinen und heißt deshalb "De Arabier". Der Name kann aber auch auf andere Eigenschaften hinweisen, etwa bei einer anderen sehr bekannten Orgel mit einem großen Schwungrad, die ihr den Namen "De Cementmolen" eingebracht hat. Es gab aber auch Orgeln, die schlicht und ergreifend nach dem Erbauer benannt waren wie etwa "De kleine Gavioli" oder nach der Anzahl der Tonstufen wie "De Negentiger", die allerdings tatsächlich nur 89 und eben keine 90 Tonstufen hatte.

Ich werde hier sicherlich in nächster Zeit noch einige vertiefende Informationen zu diesen Traditionen geben.

In den Niederlanden gab es bis zur Gründung der Firma Carl Frei in Breda (NL) keinerlei eigene Produktionstätten für die Instrumente, diese wurden entweder aus Frankreich (Gavioli, Gasparini...), aus Belgien (Mortier, DeCap, Bursens, Hooghuys...) oder aus Deutschland (Ruth, Bruder, Wellershaus...) importiert.

Und hier noch eine ziemlich heldenhafte Geschichte einer Orgel:
Der 7. Mai 1945 war der Tag der Befreiung von der deutschen Besatzung. In Amsterdam ein Festtag, der eine Menge Volk zum Feiern anlockte. Da durfte dann auch die bis dahin verbotene Orgelmusik nicht fehlen: Gijs Perlee stellte "Het Snotneusje" (jepp: Rotznäschen!) zur Verfügung und eine große Menschenmenge tanzte zum "Dam". Sie wußten nicht, dass im "Grote Club" noch deutsche Besatzer waren, die um 15:00 Uhr trotz Waffenstillstand das Feuer auf die Menge eröffnete, die auf ihrer Flucht auch hinter der Orgel Schutz suchten - diesem völlig sinnlosen Massaker fielen 22 Menschen zum Opfer und 120 wurden teilweise schwer verletzt. Der kleine, rotznasige Held "Het Snotneusje" spielt noch heute und hat aufgrund dieser Episode für viele unserer niederländischen Freunde und auch für mich eine große historische Bedeutung.

Hier finden Sie ein Hörbeispiel des "Helden":


https://www.youtube.com/watch?v=Ccnqeh5uTw8


Historisches Foto: W.F. Leijns/Fotomuseum
Historisches Foto: W.F. Leijns/Fotomuseum