Gasparini "De Kaneelstok" von 1905
Gasparini "De Kaneelstok" von 1905

Mit dieser Straßenorgel habe ich mir einen langgehegten Wunsch erfüllt. Ich war mal wieder auf Recherche nach einem Instrument und bin dabei zufällig auf einen Zeitungsartikel einer britischen Lokalzeitung gestoßen, auf der der Besitzer die Gasparini zum Kauf anbot.

https://jerseyeveningpost.com/news/2016/08/09/huge-1905-organ-needs-new-home/

Ich habe dann "My Management" befragt, ob ich nicht mal da anrufen sollte...

Habe ich gemacht, Phil und ich haben uns auf Anhieb recht gut verstanden und nach ziemlich vielen Kontakten und Mails waren wir uns schließlich einig: Die "Französin" aus englischem Haus, die jahrzehntelang in Amsterdam unterwegs war, wechselt ihren "Custodian" - das ist tatsächlich eine Bezeichnung, die nicht nur englischsprachige Besitzer von solchen Instrumenten heute benutzen, die Wertschätzung für diese Orgeln ist bei ihren Besitzern hoch. Das Engländer und Amerikaner "the organ" dabei nicht als "it", sondern als "she" bezeichnen, mag klarstellen, welchen Stellenwert diese Sammelobjekte bei ihren "Custodians" besitzen.

"De Kaneelstok" wechselte im Spätherbst 2016 so ihren Besitzer und ist jetzt, wenn schon nicht in den Niederlanden, so doch zumindest wieder in Kontinentaleuropa.


Zur Geschichte der Gasparini-Orgel "De Kaneelstok"

Zu ihrem Namen ist die Orgel gekommen, weil sie und ihre zeitgleich bei Gasparini in Paris gebaute Schwester Pilaster hatten, die Schwesterorgel weiße und die hier braune. Zuckerstangen waren schon damals ein beliebtes Jahrmarktsangebot. Die mit den weißen Pilastern wurde deshalb "Het Zuurstokkie" genannt und die hier gezeigte mit den braunen Pilastern eben Zimtstange = "De Kaneelstok".

Wenn man ein wenig in der Geschichte der Straßenorgeln bewandert ist, weiß man, dass diese Orgeln alle eine bewegte Geschichte haben, insbesondere waren Umbauten, etwa der Ersatz von Registern oder der Einbau zusätzlicher Register, jederzeit an der Tagesordnung. Franz Wiefering, ein wirklich profunder Kenner der Szene (geboren 1906) hat in seinem Buch "Glorieuze Orgeldagen" (Utrecht 1965) die Kaneelstok ebenso wie ihre Schwester als "Zylinderorgel" beschrieben. Es war ab der Erfindung der endlosen Kartonnoten durch Ludovici Gavioli in den 1890er Jahren nicht unüblich, solche Orgeln auf das neue System umzubauen. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass diese 52-Tonstufen-Orgel tatsächlich ein Umbau war, nachdem Franz zusätzlich schreibt, die beiden Schwesterorgeln seien um 1909/1910 zum ersten Mal in Amsterdam gelaufen (wörtlich schreibt Franz "met lopen" das ist der Begriff dafür, dass der "huurder", der Mieter mit seinem/n "manser/s", die mit den Sammelbüchsen für die Einnahmen sorgten, die Orgel auf die Straße brachten).

Auf jeden Fall wurde aus der 52er Straßenorgel um 1916 eine Karussellorgel und ich habe eine historische Aufnahme, die eine Erweiterung um je einen zweiten Seitenflügel zeigt, die aber dann wohl dem kalten Winter 1916 wieder zum Opfer gefallen ist.


Bandmaster "De Kaneelstok" von 1905

Trombonen und Spieltisch "De Kaneelstok" von 1905
Trombonen und Spieltisch "De Kaneelstok" von 1905

Auf dem Bild sieht man 7 der 8 originalen Trombonen und den Spieltisch (jetzt System Limonaire). Diese und einige andere Register aus der Orgel konnten bei der Grundrestauration der ansonsten ziemlich wurmstichigen Pfeifen weiterverwendet werden. Während Franz Wiefering der Orgel "trotz fehlendem Grundbass" einen hervorragenden Klang attestiert hat, wurde bei der Restaurierung in der englischen Werkstatt von Andrew Leach und seinem Partner Overington vor nunmehr 30 Jahren auch ein großes Bassregister eingebaut und viele Pfeifen im Bourdon- und Violinregister ersetzt sowie je ein weiteres Bourdon- und Violinregister zusätzlich eingebaut. Die Orgel wurde auch in diesen 30 Jahren nicht geschont, weist aber derzeit keinerlei mechanische Mängel auf.


Zur Disposition:

52 Tasten

22 Melodietöne: 3 Reihen Violine (registriert)
                         2 Reihen Bourdon (registriert)

11 Begleitung:    2 Reihen 2' offene Violine
                         1 Reihe 1' gedackte Flöte

8 Bass:               1 Reihe 8' gedacktes Bourdon
                         1 Reihe 4' Cello
                         1 Reihe 2' Flöte
                         1 Reihe 8' Trombone (registriert)

sowie Basstrommel und kleine Trommel

Die beweglichen Figuren sind nicht die Originalfiguren (die Wiefering als "Herenbeelden" beschreibt, also unbewegliche Figuren = "stijve Beelden"), sondern sog. "schlagende Figuren" = "slaande Beelden".  Zur Basstrommel ist der Bandmaster geschaltet, die beiden schlagenden Glockenspieler sind mit dem Bourdon geschaltet


Slaande Beelden "De Kaneelstok" von 1905
Slaande Beelden "De Kaneelstok" von 1905
Slaande Beelden und Bandmaster "De Kaneelstok" von 1905
Slaande Beelden und Bandmaster "De Kaneelstok" von 1905